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Mein Mauerfall – Der 9. November 1989 und der Umbruch aus Reporter-Sicht

Das Einbrechen der Mauer und der Umbruch in der DDR begannen bei mir mit dem Bruch des großen Zehens.

Am 30. September 1989 hatte der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher in der Botschaft in Prag mit dem wohl denkwürdigsten Halbsatz der Geschichte “Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ ein Ereignis eingeleitet, dessen Dimension sich zu diesem Zeitpunkt wohl kaum jemand wirklich vorstellen konnte. Es war der Schlag auf den Meißel, der den ersten großen Riss in die Berliner Mauer bringen sollte. Diesen Meißel hatte zuvor der damalige Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, mit seiner Politik der Glasnost und der Perestroika, der Offenheit und des Umbaues, quasi über die Grenze (die den Kalten Krieg ausmachte) herüber gereicht.

Genschers Halbsatz setzte eine riesige Bewegung und einen Umbruch in Gang, die ich als damaliger Leiter des RTL-Regionalstudios Niedersachsen in Hannover journalistisch eng begleiten durfte. Denn ein Teil der Flüchtlinge, die in der Prager Botschaft Zuflucht gefunden hatten, wurden wenige Tage später in Notunterkünften der Leine-Metropole untergebracht. Und wenig später vergrößerte sich mein journalistisches Arbeitsgebiet flächenmäßig von rund 47.600 Quadratkilometern auf mehr als 68.000, da Sachsen-Anhalt meinem TV-Studio als zu betreuendes Gebiet dazu geschlagen wurde.

Hans-Jürgen Amtage (2. v. l. - hier mit der RTL-Chefredaktion) war im Jahr 1989 Leiter des RTL-Regionalstudios Niedersachsen in Hannover.

Hans-Jürgen Amtage (2. v. l. – hier mit der RTL-Geschäftsführung) war im Jahr 1989 Leiter des RTL-Regionalstudios Niedersachsen in Hannover.

Doch zurück zu den DDR-Flüchtlingen und den verschiedenen Brüchen in Mauer und Zehen. Nachdem sicher war, dass die DDR-Bürger aus Prag ausreisen konnten, setzten wir die Studioredaktion und unsere vier Kamerateams in “Alarmbereitschaft”. Keiner der Verantwortlichen in der niedersächsischen Landesregierung und der Stadtverwaltung konnte uns sagen, wann die ersten Kinder, Frauen und Männer, die wochenlang unter engsten Bedingungen in der Botschaft ausgeharrt hatten, mit dem Zug in Hannover ankommen würden.

Doch dann signalisierte mir mitten in der Nacht zum 5. Oktober 1989 der gelbe Europieper, der auf dem Nachtschrank lag (von Handy war 1989 noch nicht die Rede als schnelles Kommunikationsmittel), mit schrillem Piepton, dass ich eine abgesprochene Festnetznummer anrufen solle, um Näheres zu erfahren. Im Halbschlaf lief ich zum Telefon im Flur, blieb mit dem Fuß an der Schlafzimmertür hängen, brach mir dabei den großen Zehen, rief schmerzverzehrt die Infostelle an und erfuhr, die ersten DDR-Flüchtlinge würden vermutlich in den Morgenstunden in Hannover eintreffen.

Humpelnd ging ich wenig später zum Bahnhof, setzte mich in den Zug nach Hannover. Zuvor hatte ich noch die Bereitschaftsredaktion und die Kamerateams informiert und für 6 Uhr in die Redaktionsräume im Anzeigerhochhaus der Madsack-Gruppe gerufen, wo sich unser TV-Studio befand. Doch Warten war angesagt. Das Ankommen der Flüchtlinge verzögerte sich. Um so ergreifender waren die Stunden, als die erschöpften Familien aus Prag eintrafen und überglücklich die Freiheit genossen, die zunächst meist aus schlichten Räumen mit Hochbetten und mehr oder minder kahlen Aufenthaltsbereichen bestand.

Zahllose Reportagen über die aus dem “Arbeiter- und Bauern-Staat” Geflohenen und ihre Situation, Familienschicksale, Erlebtes in der Botschaft und Erlebnisse in der DDR folgten für das RTL-Regionalprogramm „Punkt 6“. Nahezu täglich gab es zudem einen Beitrag für die Hauptnachrichten des privaten Fernsehsenders in Köln zuzuliefern. Eine Zeit, die mir, der Verwandtschaft in Erfurt hat, noch einmal sehr deutlich vor Augen führte, wie das System der Deutschen Demokratischen Republik funktionierte. Gespürt hatte ich dieses ja bereits bei meinen Besuchen in Thüringen. Doch Menschen, die massiv unter dem DDR-Regime gelitten hatten, lernte ich erst während der Beitragsproduktionen in Hannover und Sachsen-Anhalt kennen.

Weil mir mein gebrochener Zehen zunehmend Probleme bereitete, der Zustrom der Flüchtlinge nach Niedersachsen abgeflacht war, und ich in der Redaktion seit vier Wochen einen Dauerdienst ohne freie Wochenenden hatte, beschloss ich, ab 8. November 1989 drei freie Tage zu nehmen und mit Blick auf meinen Fuß den Schongang einzulegen. Es war gerade Herbstmesse in Minden, die ich eigentlich mit meiner Familie besuchen wollte. Doch am späten Nachmittag des 9. November zogen meine Frau Petra und die Kinder alleine zur Kanzlersweide, da ich vor Schmerzen kaum auftreten konnte.

Im Fernsehen verfolgte ich währenddessen die Nachrichten und konnte, wie vermutlich Millionen andere Menschen, kaum glauben, was ich dort sah und hörte, als der italienische Journalist Riccardo Ehrman in einer Pressekonferenz in Ost-Berlin eine Frage stellte, die die Welt verändern würde. An diesem Abend platzte der Saal im Internationalen Pressezentrum aus allen Nähten. Geladen war zu einer Pressekonferenz der SED, die Günter Schabowski, Mitglied im Politbüro und Sprecher der SED, leitete. Gegen 19 Uhr stellte Ehrmann dann in gebrochenem Deutsch seine Frage: “Herr Schabowski, Sie haben von Fehlern gesprochen. Glauben Sie nicht, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das Sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?”

Schabowski wirkte irritiert, begann vor laufender Kamera in einem Stapel Papier zu blättern, weil er sich wohl erinnerte, dass SED-Generalsekretär Egon Krenz zur neuen Reiseregelung für DDR-Bürger etwas formuliert und ihm mitgegeben hatte. Dann folgte der alles entscheidende Satz: “Allerdings ist heute, soviel ich weiß, eine Entscheidung getroffen worden. Es ist eine Empfehlung des Politbüros aufgegriffen worden, dass man aus dem Reisegesetz den Passus herausnimmt und in Kraft treten lässt, der – wie man so schön oder so unschön sagt – die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik. Weil wir es für einen unmöglichen Zustand halten, dass sich diese Bewegung vollzieht über einen befreundeten Staat, was ja auch für diesen Staat nicht ganz einfach ist. Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.”

In einem Wirrwarr von Nachfragen sprach ein Bild-Reporter nur zwei Worte in Richtung Schabowski: “Ab sofort?” Der Politbüro-Sprecher redete wieder und ich konnte ehrlich gesagt nicht so ganz voreinander bekommen, was sich da abspielte. Sollte da gerade das Ende der DDR besiegelt werden? Der “Genosse” Schabowski sollte das schließlich mit diesen Worten bestätigen: “Das tritt nach meiner Kenntnis … – ist das sofort, unverzüglich.”

Ich konnte kaum erwarten, diese Nachricht meiner Frau mitzuteilen, die ebenfalls Verwandtschaft in der DDR hatte. Die Schmerzen im Fuß waren vergessen, ich machte mich bereit zur Fahrt ins Anzeigerhochhaus und setzte telefonisch unsere Kamerateams in Bereitschaft, da wir vom Studio Hannover aus die Berliner RTL-Kollegen im Bedarfsfall würden unterstützen können. Denn wir waren die Redaktion, die am nächsten lag. Und entsprechend waren die Bilder, die die Teams wenig später mit ihren Kameras festhielten.

Auf der Terrasse bei uns zuhause wartete ich aber zunächst auf meine Familie, die jeden Moment von der Herbstmesse kommen würde. Denn unsere Zwillinge waren gerade erst vier Jahre alt und es war schon Abend – Schlafenszeit für die Kleinen. Als ich Petra und die Kinder vom Wesertor her kommend sah, rief ich ihnen laut entgegen: “Die Mauer ist gefallen!” Meine Frau verstand es nicht sofort und ich wiederholte: “Die Mauer ist weg!” Ungläubig stand meine Familie wenige Sekunden später am Gartenzaun. Und ich versorgte sie quasi über den Zaun mit den ersten Informationen.

Minuten später war ich auf dem Weg zum Bahnhof, um den nächsten Zug nach Hannover zu erwischen. Die Welt hatte sich in den vergangenen Stunden erheblich verändert. Und unsere Berichterstattung stellte sich in den folgenden Wochen und Monaten darauf ein.

Wir drehten Beiträge ohne Ende, die sich mit DDR-Bürgern befassten, die den Westen eroberten. Wir berichteten nach Einführung des Besuchergeldes über leergekaufte Warenhäuser, dann über Gebrauchtwagen, die reißenden Absatz fanden. Wir stellten Menschen, Städte und Landschaften in Sachsen-Anhalt vor. Zeigten unseren Zuschauern wie aus völlig desolaten Straßen schmucke Verkehrswege wurden. Und wir drehten im Juni 1990, als ein russischer Militärtransporter mit Raketentreibsätzen in der Nähe von Magdeburg verunglückte. Ein Auslöser, der mir zeigen sollte, wie bedrückt nicht nur die DDR-Bürger sondern auch wie armselig die sowjetische Armee “dort drüben” lebten.

Schriftverkehr mit dem Bundeskanzleramt im Jahr 1990, nachdem uns sowjetische Militärpolizisten bei einem Dreh bei Magdeburg das Kamera-Equipment abgenommen hatten.   Foto: Hans-Jürgen Amtage

Schriftverkehr mit dem Bundeskanzleramt im Jahr 1990, nachdem uns sowjetische Militärpolizisten bei einem Dreh bei Magdeburg das Kamera-Equipment abgenommen hatten. Foto: Hans-Jürgen Amtage

Denn bei dem Dreh über den havarierten Raketentransporter nahmen sowjetische Militärpolizisten meinem Team die TV-Kamera ab. Nicht nur, dass das Filmmaterial damit zu verschwinden drohte. Es war auch ein hoher materieller Schaden. Mehr als 90.000 D-Mark kostete das Equipment, das die Sowjets einkassiert hatten.

Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, um die Ausrüstung und das Filmmaterial zurück zu bekommen. Selbst der damalige Kanzleramtsminister und spätere Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) wurde eingeschaltet. Dessen Büro wiederum informierte das Auswärtige Amt über das Geschehene. Tage später erhielten wir die Information, dass wir das Kamera-Equipment in der Sowjetischen Militärmission in Magdeburg in Empfang nehmen könnten.

Mein Kameramann und ich machten uns früh morgens auf den Weg dorthin und konnten kaum glauben, was wir sahen, als wir die Militärmission erreichten. Der Leiter, ein General, residierte in einer völlig verfallenen Villa. Wachsoldaten “hingen” im wahrsten Sinne des Wortes stupide über dem geschmiedeten Zaun, der das Gebäude umgab. Zerschlissene Teppiche, billiges Holz bestimmten das Innere. Kaputte Holzstühle luden nicht wirklich zum Warten ein. Stundenlang beobachteten wir das Geschehen in den Räumlichkeiten der Militärmission, das von Perspektivlosigkeit und Langeweile geprägt war.

Dann endlich wurden wir zum Leiter der Militärmission gerufen, der auf einem ebenso kaputten Holzstuhl hinter einem riesigen alten Schreibtisch in seinem kahlen Büro saß und uns über seinen Dolmetscher belehrte, dass wir in ein militärisches Sperrgebiet eingedrungen seien und nicht hätten drehen dürfen. Er drückte uns die Kamera in die Hand (das Filmmaterial leider nicht) und geleitete uns aus der Mission heraus, vor der immer noch gelangweilte sowjetische Soldaten über dem Zaun lehnten.

Es war ein deutliches Zeichen, dass wenige Monate zuvor nicht nur eine Mauer sondern ein ganzes System aus Bewachten und Bewachern zusammengebrochen war. Heute, wenn ich auf diese – aus gesellschaftlicher und journalistischer Sicht – hoch interessante Zeit zurückblicke, ziehe ich innerlich den Hut davor, was das wiedervereinigte Deutschland in den vergangenen 25 Jahren geschafft und geschaffen hat. Auch wenn nicht alle Landschaften blühen, wie vom Wendekanzler Kohl versprochen – es ist (bei allen Problemen, die es noch gibt) weitestgehend zusammen gewachsen, was zusammen gehört. Auch mein großer Zehen.

Autor: Hans-Jürgen Amtage

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Autor: Hans-Jürgen Amtage

Der Journalist Hans-Jürgen Amtage, Jahrgang 1958, ist Geschäftsführender Redakteur des Pressebüros Hans-Jürgen Amtage | Amtage Medientext in Minden. Nach dem Studium der Sozialwisssenschaften und Publizistik in Göttingen war er unter anderem für eine Yellow-Press-Agentur und als Leiter des Regionalstudios Hannover des Privatsenders RTL und Korrespondent im niedersächsischen Landtag tätig. Außerdem wirkte er als stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter einer führenden lokalen Tageszeitung und Wochenzeitung. Hans-Jürgen Amtage arbeitet als Kommunikationsberater und ist in den Neuen Medien unterwegs. In diesem Blog kommentiert er aktuelle (Mindener) Themen.

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