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Kommentar: Stadtmann, der par-ordre-du-mufti-Kandidat

Hans-Jürgen Amtage

Hans-Jürgen Amtage

Ein Kommentar von Hans-Jürgen Amtage

Aha. Da kommt also vor einigen Monaten in Minden bei einigen Politikern von CDU und Bündnisgrünen die Idee auf, in Sachen Bürgermeisterwahl nicht einfach der SPD das Feld zu überlassen und sich Gedanken darüber zu machen, gemeinsam auf eigene Kandidatensuche zu gehen. Die FDP findet die Idee toll und schließt sich wenig später an. Auch das Bürger-Bündnis Minden (BBM) und die Piraten entdecken die Gemeinsamkeit, springen ebenfalls auf den Zug auf. Eine Fünfer-Kooperation, wie sie ungewöhnlicher nicht sein kann, ward geboren. Und mit ihr die Hoffnung, den Coup schlechthin zu landen.

Einen Coup haben die Fünf nun gelandet. Aber was für einen? Er dürfte in die Annalen der Stadt eingehen, wenn es um das Thema Bürgermeisterwahlen geht.

Monatelang tut man sich schwer in der Kooperation, einen geeigneten Kandidaten zu finden. Durchaus interessante Menschen sind im Gespräch: ein Mindener Unternehmer, ein Geschäftsführer eines Wirtschaftsverbandes – und noch einige mehr. Doch alle entgleiten dem Fünfer-Bündnis wieder. Bis der Kandidat, der es sein soll, quasi aus dem Postkasten fällt.

Denn der Bürgermeister in spe, der Anfang Mai von CDU, Grünen, FDP, Piraten und BBM geradezu überschwenglich präsentiert wird, hatte sich schriftlich um das Amt des Beigeordneten für Schule und Kultur bei der Stadt Minden beworben und war dabei der Bürgermeisterkandidatenfindungskommission, die auch irgendwie Beigeordnetenkandidatenfindungskommission war, aufgefallen: Rolf Koerber, der Retter in der Kandidatennot mit gar ministerieller Erfahrung – wenn auch nur in Sachsen.

Und, wenn ich ehrlich bin, bei der öffentlichen Präsentation Koerbers konnte man den Eindruck gewinnen, die fünf Parteien waren tatsächlich überzeugt und stolz, den richtigen Kandidaten gefunden zu haben. Euphorie für einen kurzen Augenblick.

Doch Euphorie schwindet bekanntlich schnell, wenn es um das Tagesgeschäft geht. Und das sollte die Wochen nach der Vorstellung Koerbers als Bürgermeisterkandidat bitter werden. Nicht nur, dass der sympathische Wahl-Sachse wohl eine schlechte Figur bei der Vorstellung als Beigeordnetenkandidat in der entsprechenden Findungskommission machte. Nein, irgendwie verstand auch keiner so recht, warum Rolf Koerber die Kandidatur für das Beigeordnetenamt aufrecht hielt und gleichzeitig Bürgermeister werden wollte. Und dann zuvor noch die Schmach, dass die Unternehmensberater, die im Auftrag der Stadt die Vorauswahl bei den Beigeordnetenbewerbern trafen, den Mann aus Dresden gar nicht erst in die nähere Wahl nehmen wollten.

Spätestens hier hätten die Verantwortlichen des Fünfer-Bündnisses die Reißleine ziehen und Koerber aus der Schusslinie nehmen müssen. Vorausgesetzt, sie wollten überhaupt noch, dass der „Traumkandidat“ auch tatsächlich Bürgermeister werden sollte. Angesichts der aktuellen Entwicklung könnte man daran zweifeln …

Nun hat also Koerber selbst wohl die Notbremse gezogen. Aus welchen Gründen auch immer. Spekulieren ist erlaubt.

Und was passiert? Der Koerber-Zug ist noch nicht ganz zum Stehen gekommen, da wird schon ein Nachfolgekandidat präsentiert: Ulrich Stadtmann, CDU-Fraktionsvorsitzender und seit Monaten irgendwie eine Art Kandidatengespenst für Ämter wie Beigeordneter oder Bürgermeister. Man könnte glauben, Stadtmann habe schon seit Wochen hinter der Tür gestanden, die es im richtigen Moment aufzureißen gilt, um in das Scheinwerferlicht zu treten, das den Kandidaten-Heilsbringer beleuchtet.

Liest man die gemeinsame Presseerklärung des Fünfer-Bündnisses zum Koerber-Ab- und Stadtmann-Auftritt genau, fällt auf, dass irgendwann nur noch von CDU, Piraten und Bürger-Bündnis die Rede ist, die Stadtmann aktuell unterstützen. Das könnte darauf schließen lassen, dass Ulrich Stadtmann ein par-ordre-du-mufti-Kandidat ist. Ein Bewerber auf Anordnung von vorgesetzter Stelle, der er wahrscheinlich sogar angehört.

Nichts bleibt mehr in diesem Moment von Gemeinsamkeit, Schulterschluss, Aufbruchstimmung, was eine Kandidatenkür angeht. Dabei hätte der Anfang des Fünfer-Bündnisses für die Zukunft ein erster guter Schritt sein können, Kandiaten für wichtige Ämter in der Stadt Minden durch gemeinsames Bemühen zu finden. Würde dann noch die Öffentlichkeit mit einbezogen, wäre dieses sogar Basisdemokratie gewesen. Doch jetzt ist wieder alles beim Alten.

Mögen die Spiele beginnen und im September bei der Wahl irgendwie enden: SPD-Kandidat Michael Jäcke contra CDU-und-wer-weiß-noch-Kandidat Ulrich Stadtmann. Ach ja, und da ist ja noch der selbsternannte Kandidat Jürgen Schnake – als schmückendes Beiwerk.

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Autor: Hans-Jürgen Amtage

Der Journalist Hans-Jürgen Amtage, Jahrgang 1958, ist Geschäftsführender Redakteur des Pressebüros Hans-Jürgen Amtage | Amtage Medientext in Minden. Nach dem Studium der Sozialwisssenschaften und Publizistik in Göttingen war er unter anderem für eine Yellow-Press-Agentur und als Leiter des Regionalstudios Hannover des Privatsenders RTL und Korrespondent im niedersächsischen Landtag tätig. Außerdem wirkte er als stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter einer führenden lokalen Tageszeitung und Wochenzeitung. Hans-Jürgen Amtage arbeitet als Kommunikationsberater und ist in den Neuen Medien unterwegs. In diesem Blog kommentiert er aktuelle (Mindener) Themen.

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